“Musterbrecher – Der Film”: Über Querdenker, Andersmacher & Mavericks

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Musterbruch ist weit mehr als nur ein aufgeblasenes »Out-of-the-box-Event«

 

Dr. Stefan Kaduk im Interview

 

Selbsterklärte Nonkonformisten, Innovationsexperten, Regelbrecher und Andersmacher – sie alle sind fester Bestandteil unserer Unternehmenskultur. Doch bis uns in freier Wirtschafts-Wildnis endlich mal ein wahrhaftiger, mutiger Musterbrecher vor die Linse springt, bedarf es viel Glück, Zeit und Geduld…

_FSCKaduk7422Seit über 15 Jahren arbeitet – forschend und beratend – auch Dr. Stefan Kaduk vom
“Musterbrecher Management” gemeinsam mit seinen Kollegen an diesem unglaublich spannenden Thema. Ihre beiden Bücher ebenso wie der gerade fertiggestellte Dokumentarfilm richten sich an Menschen und Organisationen, die bereit sind, neue Wege zu gehen, zu experimentieren und sinnvoll Muster zu brechen.

Als ich 2013 erstmalig einem seiner großartigen Vorträge folgen durfte, wusste ich: Ja, Musterbrecher gibt es wirklich! Vielen Dank, lieber Stefan!

PS: Am 11.11. feiert “Musterbrecher – Der Film” endlich Premiere (Trailer zum Film:
https://vimeo.com/144614607! Mehr auch auf www.musterbrecher.de

 

LG: Was zeichnet für dich einen echten »Musterbrecher« aus? Und warum trifft man immer wieder auf so viele selbsternannte Musterbrecher, die in Wahrheit gar keine sind und sich nur gerne mit diesem Titel schmücken?

Dr. Stefan Kaduk: Natürlich maße ich mir nicht an, darüber zu urteilen, wer ein »echter« Musterbrecher ist. Ich beobachte lediglich, dass es inzwischen zum guten Ton gehört, Andersartigkeit zu demonstrieren. Die Bekundung, ein Nonkonformist zu sein, ist in Mode gekommen und wird paradoxerweise zur neuen Normalität. Und dabei zeigt sich durchaus, dass etwa in Unternehmen – und das ist ja der Bereich, den meine Kollegen und ich im Schwerpunkt untersuchen – viel dafür getan wird, sich als einzigartig zu präsentieren. Übrigens ist dieser Wunsch nach Differenzierung keineswegs neu. Im Gegenteil: Er gehört zum klassischen Instrumentarium der Managementlehre. Was jedoch in den letzten Jahren auffällt, ist der zunehmende kommunikative Aufwand, der betrieben wird. Jede Tagung wird zum »Out-of-the-box-Event« aufgeblasen, alle bezeichnen sich plötzlich selbst als Regelbrecher oder Mavericks und mahnen lauthals das Verlassen der Komfortzone an. Die Rhetorik ist hinlänglich bekannt. Manche meinen es ernst, viele jedoch heften sich nur publikumswirksam das Etikett des „Andersmachers“ an – und machen einfach so weiter wie bisher. Vielleicht noch eines: Die von uns analysierten und begleiteten Musterbrecher sind in der Regel ziemlich bescheiden. Und die meisten halten das, was sie tun, für ganz normal…

 

LG: Querdenken ist gefordert. Aber läuft man so nicht auch schnell Gefahr, nur noch blindlings seinen persönlichen Visionen zu folgen?

Dr. Stefan Kaduk: Meine Kollegen und ich unterscheiden bewusst zwischen Querdenkern und Musterbrechern. Erstere begnügen sich häufig, dem Wortsinne entsprechend, mit dem Nachdenken über neue Dinge – und belassen es dann dabei. Zweitere probieren Dinge wirklich aus, exponieren sich, gehen ins Risiko, ohne alles gleich an die große Glocke zu hängen. Unabhängig von dieser rein persönlichen Unterscheidung ist es in der Tat wichtig, neben einer gesunden Portion Unbeirrbarkeit und Sturheit das Musterbrechen zu einer kollektiven Veranstaltung zu machen. Das zeigt im Übrigen auch die Innovationsforschung. Das Individuum mit seiner Vision ist zu Beginn absolut entscheidend, dann jedoch bedarf es der Öffnung und der fortwährenden Reflexion mit anderen Menschen, um eine Idee weiterzuentwickeln und tragfähig zu machen. Nicht zuletzt deshalb finde ich auch die Heroisierung einzelner extrovertierter Personen, üblicherweise wird an dieser Stelle reflexhaft Steve Jobs ins Spiel gebracht, gefährlich. Die Entstehung der Idee liegt beim Einzelnen, die Schärfung und das Vorantreiben ist ein sozialer Prozess. Apple wäre ohne Steve Wozniak und die vielen anderen nicht zu dem geworden, was es heute ist.

 

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Lila Green: Sind die Deutschen – unternehmerisch betrachtet – schlichtweg einfach zu langweilig und zu unmutig?

Dr. Stefan Kaduk: In unserer Forschungs- und Beratungsarbeit sind nicht nur einmal meine Grundannahmen über bestimmte Branchen oder Unternehmensfunktionen massiv irritiert worden. Einmal saßen mir in einem hochgestylten Innovation Lab eines Unternehmens in hipper Loft-Atmosphäre äußerst einfallslose und hierarchiegläubige »Innovationsexperten« gegenüber. Ein anderes Mal überraschten mich der leise Mut und die Fantasie eines verbeamteten Abteilungsleiters in einer Behörde. Insofern bin ich mit diesen Zuschreibungen etwas vorsichtig, auch was etwa den beliebten Klassiker »Bei uns in Deutschland dauerteinfach alles viel zu lang – in den USA hätten sie es einfach ausprobiert« anbelangt. Wir haben in Deutschland und in der Schweiz zahlreiche musterbrechende Organisationen gefunden. Sicherlich tun sich große Unternehmen und Konzerne tendenziell schwerer, aber auch dort gibt es Biotope, in denen die Uhren anders ticken.

 

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LG: Würdest du sagen, dass die junge, mutige und frische Start-up-Szene Hoffnung auf neue Querdenker und Musterbrecher macht? Oder fehlt es ihnen am Ende doch am nötigen Biss und kreativen Ideen?

Dr. Stefan Kaduk: Es wird Dich nicht überraschen, dass ich mit »Sowohl als auch« antworte. Einerseits finde ich es wirklich großartig, dass zahlreiche Projektformationen und Firmen entstehen, die den strukturellen und unternehmenskulturellen Ballast aus dem Industriezeitalter abgeworfen haben. Kurze Wege, schnelle Entscheidungen, kein Statusgehabe, interessante und effektive Formen der Führung und Zusammenarbeit – das alles gefällt mir. Auf der anderen Seite erlebe ich auch hier teilweise das oben erwähnte Phänomen des oberflächlichen Andersmachens. Nur weil im Besprechungsraum ein Kicker auf einem Podest aus Astra-Bierkästen aufgebaut wurde, muss nicht automatisch im Kern alles musterbrechend sein. Zudem bin ich manchmal überrascht, dass viele Ideen von Start-ups nur eine Fortschreibung klassischer Internet-Geschäftsmodelle sind, die schlicht auf Werbung basieren.

 

image005LG: Kannst du in ein paar Zeilen kurz deinen Werdegang und eure Ausrichtung bei “Musterbrecher” anreißen?

Dr. Stefan Kaduk: Mein Studienfach Betriebswirtschaftslehre war das Gegenteil von musterbrechend, wobei ich im Fach »Strategisches Management« untypischer- und glücklicherweise mit Habermas und Luhmann konfrontiert wurde. Nach einigen Jahren in der klassischen Beratung veränderte meine berufsbegleitende Promotion deutlich den Blick auf Wirtschaft und Management. Ich kam mit dem sozialen Konstruktivismus in Kontakt. Durch diese Brille ließen sich viele Dinge nicht mehr so simplifizierend beschreiben, wie es die klassische BWL gerne tut. Später, an der Universität der Bundeswehr, traf ich auf meine Kollegen Dirk Osmetz und Hans A. Wüthrich. Wir arbeiten seit knapp 15 Jahren gemeinsam – forschend und beratend – am Musterbrecher-Thema. Unser Interesse in unseren beiden Büchern und in dem gerade fertiggestellten Dokumentarfim galt bzw. gilt Menschen und Organsationen, die sinnvoll Muster brechen und experimentieren. In die Praxis tragen wir unsere Ideen mit Keynotes und diversen Workshopformaten im Rahmen von Managementkonferenzen oder Inhouse-Veranstaltungen. Zudem begleiten wir Organisation langfristig, zum Teil über mehrere Jahre, bei der konkreten Arbeit am Musterbruch.

 

LG: Hast du abschließend noch ein Praxisbeispiel für uns? Welcher Unternehmer in deinen Augen ein echter Musterbrecher ist?

Dr. Stefan Kaduk: Zum Beispiel Detlef Lohmann, den geschäftsführenden Gesellschafter der allsafe JUNGFALK GmbH in Engen am Bodensee, die Ladegutsicherung produziert. Vor mehr als 15 Jahren übernahm Lohmann die Geschäftsführung. Damals musste er feststellen, dass er nicht in einen klassischen Konzern passte. Er kündigte, verkaufte sein Haus, machte seine Ersparnisse locker und erwarb ein Viertel von allsafe. Bald begann er – erst in kleinen Schritten, dann immer mutiger –, die Organisation im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf zu stellen. Denn sein Bild von allsafe war nicht mehr das der typischen Pyramide. Er sieht seine Aufgabe darin, strategische Entscheidungen zu fällen, die alles am Laufen halten. Operative Entscheidungen treffen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, denn die sind näher am Kunden. Vor Jahren schon wurden die Abteilungen aufgelöst, jetzt ist man entlang des Prozesses organisiert. Es sind viele kleine Bausteine, die dieses Unternehmen besonders machen. Interessant ist die Kombination aus dem Effizienz- und dem »Verschwendungs«-Gedanken. So produziert man in Ein-Stück-Fließfertigung enorm schnell und flexibel. Nur so gelingt es, besser zu sein als die Konkurrenz, die im Gegensatz zu allsafe meist in Asien produzieren lässt und die Waren in großen Mengen bestellt und auf Lager legt. Damit dieses Prinzip auch wirklich funktioniert, muss das Unternehmen sehr innovativ sein. Interessant ist, dass die Effizienzlogik dort aufhört, wo der Mensch ins Spiel kommt. Ein Leiharbeiter verdient bei allsafe mehr als ein Festangestellter, weil Ersterer das unternehmerische Risiko abfedert. Woanders ist von Wertschätzung nur die Rede, hier wird sie einfach gelebt.

2 Comments

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    Spannendes Interview! Insbesondere als Start-Upler bin ich jetzt auf den Film gespannt. Der Grad zwischen mangelndem Biss bzw. Mut und Innovation ist tatsächlich ein schmaler …

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